Der erste März als hörbarer Übergang
Chalandamarz wird in mehreren Tälern Graubündens gepflegt, besonders im Engadin, im Val Müstair und in weiteren romanisch oder italienisch geprägten Regionen. Der Name verweist auf den ersten Tag des Monats März. Kinder und Jugendliche ziehen mit grossen Kuhglocken, kleineren Schellen und teilweise mit Peitschen durch das Dorf. Der Lärm soll den Winter vertreiben und den Beginn der wärmeren Jahreszeit ankündigen.
Wer Chalandamarz nur aus dem Bilderbuch „Schellen-Ursli“ kennt, begegnet vor Ort keiner überall gleichen Aufführung. Kleidung, Lieder, Reihenfolge, Aufgabenverteilung und Dauer unterscheiden sich von Dorf zu Dorf. Gerade diese Unterschiede sind ein Kern des Brauchs. Er wird nicht nach einem schweizweiten Reglement durchgeführt, sondern innerhalb lokaler Gemeinschaften weitergegeben.
Glocken, Schellen und körperliche Anstrengung
Die grössten Glocken sind schwer. Sie werden an breiten Riemen getragen und durch rhythmische Bewegung zum Klingen gebracht. Wer an der Spitze läuft oder eine besonders grosse Glocke trägt, fällt auf, muss aber auch Kraft und Ausdauer mitbringen. Die Gruppen ziehen über Strassen und Plätze, halten an bestimmten Häusern oder Brunnen und wiederholen Lieder und Rufe.
Das gemeinsame Gehen ordnet den Klang. Eine einzelne Glocke wirkt anders als eine ganze Gruppe, deren Schläge sich überlagern und zwischen den Häusern widerhallen. In einem Bergdorf ist der Schall weithin hörbar. Chalandamarz verändert deshalb für einige Stunden nicht nur das Strassenbild, sondern die gesamte akustische Wahrnehmung des Ortes.
Kinder als Träger des Brauchs
Chalandamarz wird stark mit Kindern und Schule verbunden. Das bedeutet jedoch nicht, dass Erwachsene keine Rolle spielen. Familien stellen Kleidung und Glocken bereit, helfen bei der Organisation und geben Lieder oder lokale Regeln weiter. Lehrpersonen begleiten häufig die Vorbereitung. Ältere Jugendliche übernehmen je nach Ort besondere Aufgaben oder helfen den Jüngeren.
Historisch waren die Rollen vielerorts klar nach Geschlechtern getrennt. In verschiedenen Gemeinden wurden solche Ordnungen verändert, während andere stärker an überlieferten Formen festhalten. Diese Entwicklungen werden lokal ausgehandelt. Sie zeigen, dass ein Brauch nicht dadurch lebendig bleibt, dass jede Einzelheit unverändert wiederholt wird, sondern dadurch, dass eine Gemeinschaft Verantwortung für seine Form übernimmt.
Lieder, Sprache und lokale Erinnerung
Romanische Lieder geben Chalandamarz einen sprachlichen Charakter, der über die sichtbaren Glocken hinausgeht. Wo Romanisch im Alltag unter Druck steht, bietet der Brauch einen Raum, in dem Wörter, Aussprache und Melodien selbstverständlich verwendet werden. Kinder erleben die Sprache nicht nur im Unterricht, sondern als Teil einer öffentlichen Handlung.
Manche Lieder bitten um Gaben oder wünschen Glück für Haus und Hof. Die gesammelten Beiträge können einem gemeinsamen Essen, einem Ausflug oder einem Fest dienen. Damit verbindet der Umzug symbolische und sehr praktische Elemente: Er vertreibt den Winter, stärkt die Gruppe und schafft Mittel für ein gemeinsames Erlebnis.
Der Einfluss von „Schellen-Ursli“
Das bekannte Kinderbuch hat Chalandamarz weit über Graubünden hinaus bekannt gemacht. Die Geschichte vom Jungen, der eine grosse Glocke sucht, prägt bei vielen Besucherinnen und Besuchern die Erwartung an den Brauch. Diese Popularität ist hilfreich, kann aber auch den Eindruck erwecken, es gebe eine einzige ursprüngliche Form. Tatsächlich beschreibt das Buch eine literarisch verdichtete Welt, während die gelebten Varianten vielfältiger sind.
Für die Dörfer entsteht daraus eine besondere Situation. Chalandamarz ist lokale Praxis und zugleich touristisch bekanntes Bild. Wo viele Gäste kommen, müssen Wege, Sicherheit und Rücksicht auf den Schulalltag organisiert werden. Die Beteiligten entscheiden, wie viel Öffentlichkeit sie wünschen und welche Teile in erster Linie der Dorfgemeinschaft gehören.
Ein Brauch in Graubündens mehrsprachiger Kulturlandschaft
Chalandamarz macht sichtbar, dass die Schweiz nicht nur kantonal, sondern auch sprachlich gegliedert ist. Romanische Bezeichnungen, italienisch geprägte Täler und deutschsprachige Berichte über den Brauch treffen aufeinander. Die Tradition bleibt jedoch an konkrete Orte gebunden. Ihre Bedeutung lässt sich nicht vollständig in eine andere Sprache übertragen, weil sie aus lokalen Erinnerungen, Familiengeschichten und dem Klang bestimmter Wörter besteht.
Das Schweizer Inventar der lebendigen Traditionen dokumentiert die regionale Verbreitung und die unterschiedlichen Ausprägungen. Wer Chalandamarz besucht, sollte deshalb nicht nur nach der grössten Glocke suchen. Ebenso wichtig sind die kleinen Unterschiede: ein anderes Lied, eine besondere Reihenfolge, die Form der Peitsche oder der Moment, in dem das ganze Dorf für den gemeinsamen Klang innehält.
Unterschiede zwischen den Dörfern
In einigen Orten tragen die Kinder blaue Hemden, rote Mützen oder Halstücher, andernorts andere lokale Kleidung. Die Zusammensetzung der Gruppen kann nach Alter, Schulklasse oder Geschlecht geordnet sein. Auch die Frage, wer eine Peitsche benutzen darf oder wer die grösste Glocke trägt, wird nicht überall gleich beantwortet.
Manche Dörfer verbinden den Umzug mit einem Ball, einem gemeinsamen Essen oder weiteren Festteilen. Andere halten den Ablauf bewusst kurz. Diese Unterschiede sind keine Abweichungen von einer richtigen Form, sondern Ausdruck lokaler Zuständigkeit. Wer Chalandamarz dokumentiert, muss deshalb genau nennen, welchen Ort und welches Jahr er beschreibt.
Wetter, Wege und Sicherheit
Der erste März kann im Engadin tief winterlich sein. Schnee, Eis und Kälte prägen den Umzug. Schwere Glocken auf glattem Untergrund verlangen Aufmerksamkeit. Peitschen benötigen Abstand, und die Wege müssen so organisiert werden, dass Kinder, Publikum und Verkehr sich nicht gefährden.
Die rauen Bedingungen sind Teil der Bedeutung. Der Frühling wird nicht gefeiert, weil er bereits vollständig da wäre, sondern weil man ihn erwartet. Das laute Läuten setzt ein Zeichen gegen die noch sichtbare Winterlandschaft. So erhält der Kalendertermin eine körperlich erfahrbare Spannung.
Erinnerungen, die mitwachsen
Viele Erwachsene erinnern sich genau daran, welche Glocke sie als Kind trugen, an welchem Haus die Gruppe besonders lange sang oder wie das Wetter an einem bestimmten ersten März war. Solche persönlichen Erinnerungen verbinden einzelne Jahrgänge und Familien mit dem Dorf. Die Tradition wird dadurch nicht nur öffentlich, sondern biografisch.
Wenn ehemalige Bewohner zum Chalandamarz zurückkehren, treffen verschiedene Lebenswege aufeinander. Der Brauch kann Zugehörigkeit erneuern, zugleich aber sichtbar machen, wer im Dorf geblieben ist und wer fortgezogen ist. Diese soziale Dimension ist leiser als die Glocken, aber für die Gemeinschaft oft ebenso wichtig.
Weitere winterliche Klangbräuche finden sich beim Silvesterchlausen im Appenzellerland sowie bei Trychlen und Klausjagen in der Zentralschweiz.